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Wasser ist Leben! Der Aubrunnen bleibt.

27.4.17: Offener Brief von OB Boris Palmer an die BI Aubrunnen

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Am 27. April 2017 hat der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer der BI Aubrunnen einen eigenen Offenen Brief geschrieben, den das Schwäbische Tagblatt im Wortlaut veröffentlicht hat:

Sehr geehrte Damen und Herren in der BI Aubrunnen,

nachdem Sie sich in zwei offenen Briefen an mich gewandt haben, möchte ich das nun meinerseits auch tun. Nicht, indem ich Ihnen Fragen stelle, sondern indem ich versuche, Ihnen mein Handeln verständlicher zu machen. Denn mein Eindruck aus vielen Gesprächen und Leserbriefen ist, dass hier bereits der Quell von Spannungen ist, die ich gerne abbauen würde.

Im Bericht zu Ihrer Gründungsversammlung im Tagblatt wurde das grüne Urgestein Bruno Gebhart damit zitiert, dass ich Ihnen „therapiebedürfige Ansichten“ attestierte. Ich bin darüber sehr erschrocken und habe Bruno Gebhart gefragt, wann ich das gesagt haben könnte. Er erklärte mir, er beziehe sich auf einen Bericht im Tagblatt, der schon ein Jahr alt ist. Wir haben ihn eingesehen. Dort steht: „Es gibt einen psychologischen Bedarf für den Au Brunnen, aber keinen sachlichen.“ Ich bin froh, dass wir das aufklären konnten. Das ist ja etwas ganz anderes. Menschen anderer Ansicht zur Therapie zu schicken, ist für mich unvorstellbar. Da es aber von Bruno Gebhart so verstanden wurde, möchte ich Ihnen erläutern, was mich bei der Suche nach geeigneten Gewerbeflächen in Tübingen leitet:

Ich bin sehr froh, dass es in unserer Stadt so viele Menschen gibt, die sich gegen Flächenfrass, für die Erhaltung der Natur und der Trinkwasservorkommen einsetzen. Wäre das überall so, sähe unsere Region ganz anders aus. Ich finde es legitim, dass viele Menschen in der Stadt sagen, ein Wasserschutzgebiet darf niemals aufgegeben werden. Jeder Mensch hat seine eigenen roten – oder in diesem Fall: grünen – Linien. Und das ist auch gut so.
Ich kann mir diese kategorische Position aber nicht zu eigen machen, weil ich auch den Menschen in der Stadt rechenschaftspflichtig bin, die es anders sehen und deshalb eine Antwort von mir erwarten, warum sie wegen eines Brunnen-Tabus in ihrer Wohnumge-bung mehr Verkehr dulden oder die Umwandlung von Freiflächen zu Gewerbe hinnehmen sollen. Ich räume ein, wenn man der Auffassung ist, Tübingen benötige keine grö-ßere Gewerbefläche mehr, entsteht dieser Konflikt nicht. Ich bitte Sie aber, mir abzu-nehmen, dass ich diese Frage nach bestem Wissen und Gewissen geprüft habe, und bis an die unterste Grenze des nach meinem Urteil vertretbaren Flächenanspruchs gegangen bin. Unter dieser Prämisse muss ich die Entscheidung für oder gegen eine Fläche transparent und in einer nachvollziehbaren Abwägung begründen.

Daher habe ich zwei Gutachten in Auftrag geben lassen, die klären sollen, welche Folgen es für die Wasserversorgung hat, wenn das Wasserschutzgebiet Au bebaut wird. Daraus lässt sich ein Risiko abschätzen, das man gegen die negativen Effekte eines Gewerbegebiets auf Mensch und Natur an anderer Stelle abwägen kann. Nur so kommt eine trans-parente Entscheidung zu Stande.

Das Prüfungsergebnis lautet kurz gesagt: Wenn wir die Au mit Gewerbe bebauen, dann reduziert das die Schüttung im Au-Brunnen um weniger als 0,5% der Gesamtleistung der Tübinger Trinkwasserversorgung. Gebraucht würde der Brunnen nur, falls die Bodenseewasserversorgung über einen sehr langen Zeitraum komplett ausfällt. Das ist ein Fall, der in 60 Jahren nicht vorgekommen ist und auch weiterhin sehr unwahrscheinlich bleibt. Und selbst wenn er eintritt kann der Au Brunnen im dann realen Notfall nahezu uneingeschränkt ins Trinkwassernetz einspeisen.

Für mich reicht diese marginale Veränderung der Versorgungssicherheit nicht aus, um die Au vorab als Gewerbefläche auszuscheiden. Ich meine, wir müssen alle Vor- und Nachteile der möglichen Flächen abwägen und nicht nur die Nähe zu einem Brunnen. Das Ergebnis ist für mich noch immer offen, weil die naturschutzfachliche Prüfung der besten Alternative, des Saiben bei Weilheim, noch läuft. Erst dann werde ich für die Verwaltung einen Vorschlag machen. Bis dahin sehe ich meine Aufgabe darin, eine sach-liche Grundlage für die Entscheidung herzustellen.

Ich würde mich sehr freuen, wenn Sie mich in dieser Arbeit gerne auch weiterhin durch sachliche Nachfragen unterstützen könnten und es mir gelingen würde, für dieses Vorgehen Ihre Zustimmung zu finden

Mit freundlichen Grüßen
Boris Palmer
Oberbürgermeister


Universitätsstadt Tübingen
Rathaus, Am Markt 1, 72070 Tübingen
Tel. (0 70 71) 204 - 1200; Fax (0 70 71) 204 -41000
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Diesen Brief kann man hier als pdf herunterladen.