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Wasser ist Leben! Der Aubrunnen bleibt.

7.4.17: Antwort von OB Boris Palmer auf den 1. Offenen Brief

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Der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer hat der BI auf ihren ersten Offenen Brief am 7.4.2017 geantwortet:

Sehr geehrte Damen und Herren in der BI Aubrunnen,

vielen Dank für Ihren offenen Brief und Ihre vier Fragen, die ich sehr gerne ebenfalls in offener Form beantworte. Mir liegt viel am sachlichen Diskurs in diesem zweifellos für viele Menschen in der Stadt sehr wichtigen Thema. Die Antworten sind in der Reihenfolge Ihrer Fragen sortiert:

  1. Der beiliegenden Verlaufskurve der Messwerte seit 1998 können Sie entnehmen, dass der Au-Brunnen seit Jahrzehnten und bis heute im Hinblick auf die Nitratbelastung die Empfehlungswerte für Säuglingsnahrung um fast das Doppelte und der WHO für Trinkwasser regelmäßig deutlich überschreitet. Für chlorierte Kohlenwasserstoffe kam es sogar immer wieder zu Überschreitungen des gesetzlichen Grenzwerts. Der Au-Brunnen liefert mit Abstand die schlechteste Wasserqualität aller Tübinger Brunnen und ist mit dem Bodenseewasser im Hinblick auf seine chemische Zusammensetzung leider überhaupt nicht konkurrenzfähig. Das gilt auch für die Härte des Wassers. Nur die Beimischung von zwei Drittel Bodenseewasser hält die Härte unseres Wassers in einem guten Bereich. Reine Eigenwasserversorgung hätte eine dramatische Verkalkung von Maschinen und Geräten und deutlich erhöhten Einsatz von Waschmittel in der gesamten Stadt zur Folge.
     
  2. Im Hinblick auf die Wasserqualität des Bodensees verweise ich auf die Landesanstalt für Umweltschutz LUBW. Zitat: „Dank des heutigen nährstoffarmen Zustands liegt selbst nach mehreren aufeinanderfolgenden Jahren schwacher Zirkulation der Sauerstoffgehalt im Tiefenwasser stets über 6 Mikrogramm pro Liter. Dies ist vor allem den in den letzten Jahrzehnten errichteten und immer wieder ausgebauten Kläranlagen und den von allen Bodenseeanrainerstaaten mitgetragenen wissenschaftlichen Untersuchungen der Internationalen Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB), zu verdanken. Hierzu hat das ISF für das Land Baden-Württemberg von Anfang an zentraler Stelle mitgewirkt.“
     
  3. Im Anhang erhalten Sie die Zusammenfassung der Umweltuntersuchungen des Büros Menz, die für die Fortschreibung des Flächennutzungsplans erstellt wurden. Daraus geht hervor, dass die Auswirkungen einer Bebauung des Wasserschutzgebiets um den Au-Brunnen (der Au-Brunnen selbst wird in jedem Fall erhalten und liefert weiterhin Wasser) im Hinblick auf Landschaft, Klima und Artenschutz nur „geringe“ Auswirkungen haben. Das ist die beste Kategorie, markiert durch eine grüne Farbe. Die Traufwiesen schneiden ähnlich gut ab, der Saiben ist in allen genannten Kategorien in der mittleren Stufe der hohen Auswirkungen. Die Aussage, dass das WSG Au wegen seiner Lage zwischen zwei Straßen und zwei Gewerbegebieten in allen ökologischen Belangen die geringsten Eingriffe bedeutet, nur nicht im Hinblick auf ein Wasserschutzgebiet, ist also durch ein Gutachten gestützt. Das Gutachten zeigt übrigens auch, dass für die Grundwasserneubildung die Alternativflächen mindestens so wertig sind wie das WSG Au, das wie gezeigt wegen der bestehenden und nur sehr langsam zurück gehenden Verunreinigungen nur bedingt geeignetes ist, Tübingen mit Trinkwasser zu versorgen.
     
  4. Der ökologische Fußabdruck ist eine Messgröße, die ich für sehr wichtig halte. Die Menschheit tut in der Tat so, als hätten wir noch mehrere Planeten in Reserve. Dafür maßgeblich ist aber insbesondere die Produktion von Nahrungsmitteln und Energie sowie die industrielle Produktionsweise. Selbst im dicht besiedelten Baden-Württemberg macht die mit Gebäuden überbaute Fläche nur 5% der Fläche aus, die Versiegelung mit Straßen belegt fast genauso viel Fläche wie die Gebäude. Die Ausweisung von 10 Ha Gewerbefläche bei 10800 Ha Gemarkungsfläche in Tübingen entspricht einer Umwandlung von Fläche von 0,1%. Dagegen kann eine globale Messzahl nicht ins Feld geführt werde. Sehr wohl aber eine regionale. Ein Gewerbegebiet im Au-Brunnen könnte ohne neue Straßen erschlossen werden. Die Eisenbahnstraße existiert bereits und genügt vollauf. Wenn die Gewerbeentwicklung stattdessen in der Region stattfindet, werden viel mehr Parkplätze und Straßen benötigt. Damit würde insgesamt sehr viel mehr Fläche verbraucht und sehr viel mehr Verkehr erzeugt. In dieser Betrachtung reduziert ein Gewerbegebiet an der Eisenbahnstraße den Klimaschaden und den Flächenverbrauch um mehr als 50%. Da Tübingen pro Jahr um 1% wächst, zuletzt vor allem durch Zuzug von Flüchtlingen, ist ein Nullwachstum in Wirtschaft und Wohnungsbau nicht durchzuhalten. Auch im globalen Maßstab gilt: So lange die Bevölkerung jedes Jahr wächst, wächst auch der ökologische Fußabdruck. Sie sehen also, dass die Überlegungen zum ökologischen Fußabdruck voll und ganz in die Prüfungen der Stadtverwaltung eingeflossen sind. Dies kommt auch darin zum Ausdruck, dass die Nachbarstadt Reutlingen mehr als hundert Hektar Gewerbefläche ausweisen will, also ein vielfaches mehr. Tübingen geht weiterhin einen im ganzen Land vorbildlichen Weg minimaler Inanspruchnahme der Landschaft. Das ist auch daran erkennbar, dass wir in den letzten zehn Jahren fast 6000 Arbeitsplätze im Stadtgebiet geschaffen haben, ohne dass dafür ein Gewerbegebiet neu ausgewiesen werden musste.

    Ich hoffe, damit Ihre Fragen beantwortet zu haben und freue mich auf weitere sachdienliche Diskussionen.


    Mit freundlichen Grüßen

    Boris Palmer
    Oberbürgermeister


    Universitätsstadt Tübingen
    Rathaus, Am Markt 1, 72070 Tübingen
    Tel. (0 70 71) 204 - 1200; Fax (0 70 71) 204 -41000
    www.tuebingen.de

    Diesen Brief kann man hier als pdf herunterladen.
     
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